Journal

Herrenhaus und Gutswirtschaft in Mecklenburg

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Stiftung Mecklenburg, die den Beitrag in ihrem Infobrief Juli 2011 zum Abdruck brachte.

Bilder:
Schloss Bothmer, Luftaufnahme um 1995, Foto: Thomas Helms;
Festes Haus Ulrichshusen, um 1890, Verlag A. Mencke, Stiftung Mecklenburg.



Nachdem das Land Mecklenburg-Vorpommern 2008 Schloss und Park Bothmer im Klützer Winkel erworben hatte, entstand die Idee, einen Teil der hier geplanten Ausstellung durch die Stiftung Mecklenburg erarbeiten zu lassen. Es bot sich an, erstmals das »Ostelbische Herrenhaus« zu thematisieren. In Abstimmung mit der Schlösserverwaltung Mecklenburg-Vorpommern und dem Ministerium für Verkehr, Bau und Landesentwicklung wird derzeit ein entsprechendes Konzept erarbeitet. Es gibt in Europa nur wenige bis heute wahrnehmbare historische Kulturlandschaften wie die der Gutswirtschaft östlich der Elbe. Die Geschichte Mecklenburgs und Vorpommerns, Kulturlandschaften im ostelbischen Raum, war seit dem 15. Jahrhundert bis 1945 von der ritterschaftlichen Gutswirtschaft geprägt.

Die Ritter waren seit dem Mittelalter den fürstlichen Lehnsherren zu Dienst und Treue verpflichtet. Oft waren sie als Lokatoren, also Siedlungsunternehmer, aus dem Altsiedelland westlich der Elbe gekommen oder stammten aus der slawischen Führungsschicht. Viele Familien breiteten sich im gesamten ostelbischen Raum aus. In Mecklenburg hatte sich die Ritterschaft 1523 in einer »Union der Landstände« als dominierende Macht formiert und wirkte als Interessenbündnis mit den Städten – der »Landschaft« – den anhaltenden dynastischen Teilungsbestrebungen des Fürstenhauses entgegen. Aus den Rittern waren nun Rittergutsbesitzer geworden. Aus ihrem Kreis rekrutierte sich auch der Hofstaat der Herzöge. Sie waren im Staats- und Militärdienst aktiv und hatten innerhalb ihrer Besitzungen die Kirchenpatronatschaften inne.

Mit der Gutswirtschaft entstanden seit dem 16. Jahrhundert die für das Land charakteristischen Rittergüter, die aus dem Gutshof, dem herrschaftlichem Wohnhaus und einer Parkanlage sowie ausgedehnten land- und forstwirtschaftlichen Nutzflächen bestanden. Im frühen 18. Jahrhundert hatte sich ihre charakteristische Form herausgebildet.

Um das baugeschichtliche Phänomen »Herrenhaus« verstehen zu können, muss man seine Funktion innerhalb des Gutsbetriebes kennen.

In der bisherigen Baugeschichtsschreibung wird das »Herrenhaus« als eigenständiger Bautyp nicht berücksichtigt. Wenn Häuser dieser Kategorie in der einschlägigen Literatur Erwähnung finden, dann unter der Rubrik »Schloss«, ohne dass ihre wesentlich andere Funktion berücksichtigt wird. Mit »Schloss« wird aber korrekterweise der Wohnsitz eines Fürsten oder vornehmen Herrn benannt, der nicht zugleich Mittelpunkt eines landwirtschaftlichen Betriebes ist. Das »Herrenhaus« ist das Wohnhaus eines Gutsherren, das in direkter räumlicher Verbindung mit der Wirtschaftsanlage eines Gutes steht. Um diesen Unterschied zu verstehen, muss man die besonderen Funktionen des Herrenhauses kennen. Die baulichen Veränderungen der Herrenhäuser sind an die Entwicklung der Landwirtschaft und damit der Güter gekoppelt, was sich seit dem späten Mittelalter lückenlos belegen lässt. Dabei werden die Besonderheiten der Herrenhäuser gegenüber der Herrschaftsarchitektur der Gebiete westlich der Elbe deutlich.

Bis ins 18. Jahrhundert gehörten der Ritterschaft nahezu ausnahmslos Vertreter des Adels an, erst danach gab es zunehmend auch bürgerliche Rittergutsbesitzer. 1907 wurden in Pommern 51 %, in Mecklenburg-Schwerin 59,7 % und in Mecklenburg-Strelitz 60 % der landwirtschaftlichen Nutzflächen von Betrieben, zumeist Gütern, über 100 ha bewirtschaftet. Der Durchschnitt für das Deutsche Reich betrug dagegen nur 22,2 %. Das von den Städten bewirtschaftete Gebiet umfasste zu Beginn des 20. Jahrhunderts ca. 11,5 %, das Domanium, also das unmittelbare Eigentum des Herzogs, etwa 40 % und das ritterschaftliche Gebiet ca. 46 % der Gesamtfläche des Landes Mecklenburg.

Bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts waren die Bauern leibeigen, mussten für ihre Höfe Pacht zahlen und waren zu Frondiensten auf dem sie besitzenden Rittergut verpflichtet. Die Bauernbefreiung beendete östlich der Elbe zwischen dem Ende des 18. und dem Beginn des 19. Jahrhunderts die Leibeigenschaft. Fortan waren es Tagelöhner, die auf den Rittergütern arbeiteten. Bereits seit dem späten 19. Jahrhundert lassen sich Bestrebungen zu einer Bodenreform in Deutschland erkennen. 1919 gelang es, diese Ideen in die Verfassung einzubringen. Viele in Konkurs geratene Güter wurden in den folgenden zwei Jahrzehnten aufgesiedelt, d. h. unter Neusiedlern aufgeteilt.

Angesichts der ab 1945 deklarierten Ziele zur vollständigen Zerschlagung der Gutsstrukturen verwundert es, dass sich die historischen Kulturlandschaften in Mecklenburg-Vorpommern in ihrer Ausprägung aus der Zeit vor 1945 so umfassend bewahrt haben. Weder die seit Herbst 1945 in den Ländern der Sowjetischen Besatzungszone durchgeführte Bodenreform, noch der in diesem Zusammenhang 1947 erlassene Befehl 209 der SMAD, der den Abriss von Gutsgebäuden zur Materialgewinnung für die Errichtung von Neubauernhäusern vorsah, oder die sich seit 1952 vollziehende Kollektivierung der Landwirtschaft haben zum umfassenden Strukturwandel des Landes geführt. Mancherorts wurden zwar die Reste der erhaltenen Baulichkeiten der Güter von denen der DDR-Zeit überlagert, aber die seit 1990 stattfindenden Veränderungen sind wesentlicher.

Nach 1990 wandelte sich die Agrarverfassung im Osten Deutschlands erneut gravierend. Seither gibt es sowohl Wiedereinrichter – Landwirte, die nach der politischen Wende ihr in die LPG eingebrachtes Land zurückgefordert und erhalten haben –, Nachfolgebetriebe der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften wie auch Betriebe von Nachkommen der 1945 enteigneten Familien, die Land zurück kauften oder pachteten, um es zu bewirtschaften.

Die geplante Ausstellung will zum einen über die Geschichte und die Bedeutung der Gutswirtschaft informieren und zum anderen den Bautyp Herrenhaus in all seinen Facetten vorstellen.

Prof. Dr. Sabine Bock

www.stiftung-mecklenburg.de